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BOBTAIL – GEHEIMNISSE 


Eines dieser kleinen Baffi-Geheimnisse wob sich um das menschliche Niesen. Allein der „Große Geist“ der Hunde mochte wissen, was in unserem Hund vor sich ging, wenn folgendes passierte: Einer von uns musste dem natürlichen Bedürfnis eines jeden Lebewesens nachgeben, sich durch einen kräftigen Ausstoß von Luft aus Nase und Mund, von diversen Bakterien, Viren oder winzigen Fremdkörpern zu befreien. Dieser Vorgang konnte nicht ohne eine mehr oder weniger heftige Geräuschentwicklung vonstatten gehen, die an ein Zischen, Bellen, Prusten, Husten oder einen kurzen Aufschrei erinnerte.
  Alle Menschen in Baffis Umfeld wurden bald Meister im Beherrschen einer auf ein Minimum reduzierten Niesgeräusch-Entwicklung. Kündigte sich ein Nieser rechtzeitig vorher an, bestanden gute Chancen, ein dickes Kissen oder ein geräuschvertilgendes Badehandtuch zu erhaschen und damit den Folgen eines ungedämpften „H a t s c h i s“ zu entgehen. Wem dies nicht gelang, den traf die ungebremste Wucht eines, bis ins Mark erschütterten, Bobtails!
Wie eine gezündete Rakete schoss der Hund selbst aus dem tiefsten Tiefschlaf empor, verfiel in ein geradezu hysterisches Gebell, stürzte sich auf den „Übeltäter“, landete auf dessen Schoß und nur deswegen nicht auf seinem Kopf, weil Menschenköpfe leider nicht genügend Landefläche für einen Bobtail im Sturzflug boten. Nach gutem Zureden, Streicheln, je nach Zustand
des menschlichen Nervenkostüms auch Schimpfen, glätteten sich die Wogen bald wieder. Beim nächsten zu heftigen Nieser brandete erneut eine riesige Energieflutwelle über unsere Köpfe hinweg.
Eines Tages hatte ich mir eine gemeine Erkältung zugezogen, die erfahrungsgemäß einige stärkere Niessalven erwarten ließ. Mir wurde etwas mulmig zumute! – Sollte ich nicht besser für eine Woche Quartier in einem Hotel beziehen? – Es war bereits zu spät! Ein wahrer Niesanfall brach über mich herein – und über meinen Hund. Etwa nach dem zehnten Niesen und darauf folgenden Hunde-Vulkanausbruch kehrte plötzlich Ruhe ein.
Ich saß wohl doch nicht unter einem Vulkan, sondern mitten im Auge eines Hurrikan? Nicht, dass mein Niesen aufgehört hätte, nein, das setzte sich fleißig fort. Eine beinahe unheimliche Ruhe strömte von meinem Hund aus und erfüllte mich mit Fragen. Was war geschehen? Warum dieser plötzliche Waffenstillstand? Lautete Punkt 1 der Verteidigungstaktik: „Angriff ist die beste Verteidigung!“ und Punkt 2: „Ignoranz ist die zweitbeste Verteidigung!“? Völlig logisch, dass nach Versagen von Punkt 1 automatisch Punkt 2 in Kraft treten musste! –

Punkt 2 blieb angesagt für den ganzen Rest der Erkältung.
Wir fühlten uns schon in Sicherheit gewogen und ahnten nicht, wie trügerisch diese Sicherheit war. Irgendein geheimer innerer Berater musste unserem Hund eingeflüstert haben, dass Operation „Erkältung“ abgeschlossen wurde und keine Übermacht von der Seite des Niesens mehr befürchtet werden brauchte. Getrost konnte jedem einzelnen Nieser wieder nach Punkt 1 des Verteidigungsplanes entgegengetreten werden.
  Ein anderes geheimgebliebenes Geheimnis rankte sich um alles, was direkt oder im entfernteren Sinne mit dem Geräusch „Knall“ zu tun hatte.
Ein Knall, auch ein kleines Knällchen, mußte in Baffi ein höchstes Alarmsignal auslösen: „Bomben über Bad Meinberg!“ – „Artillerie im Anmarsch!“ – „Der Himmel stürzt auf die Erde!“ – „Die Welt geht unter!“ – Selbst wenn Baffis Vorstellungen von dem Ausmaß der drohenden Katastrophe nicht ganz so konkret gewesen sein sollten, ihre Reaktionen waren entsprechend.
  Bei der ersten Silvesterfeier in Baffis Leben begann der in ihr schlummernde Same der Knallpanik zu keimen und wuchs schnell zu einer stattlichen „Pflanze“ heran.
Es schien zunächst so, als handelte es sich um eine harmlose, unbeschwerte, lustige Feier. Die ganze Familie saß an diesem letzten Abend des Jahres fröhlich beisammen. Es wurde gescherzt und getanzt. Köstliche Leckereien standen zum Vernaschen in Hülle und Fülle auf den Tischen (in Menschengeschirr) und unter den Tischen (in Hundegeschirr) bereit. Eine Menge Luftschlangen boten Anlaß für das Herz und die Beinchen eines jungen Bobtails, vor Freude zu hüpfen. Ein Hochgenuß!! Das vergnügliche Bad in einem riesigen Luftschlangenberg, – hineintauchen, sich wälzen, und die knisternden Schlangen Stück für Stück zerfetzen!
Baffis Welt war in bester Ordnung.
Das eine und das andere Knällchen ertönte zwar schon einmal nach der Zündung eines Tischfeuerwerks oder dem Ziehen eines Knallbonbons. Der kurze Schreck ließ sich schnell vergessen durch das komische Spielchen, das dem Knällchen auf dem Fuße folgte: Alle Menschen tauchten ab unter den Tisch, krabbelten um Baffi herum und versuchten kleine Objekte ausfindig zu machen, die bei der Explosion des Feuerwerks durch die Luft gewirbelt waren, um sich alsbald gleichmäßig auf dem Fußboden zu verteilen. Schreie des Entzückens begleiteten jeden Fund.
Menschen können manchmal unerhört albern sein!
Die Feier erreichte eine Phase, in der die vergnügte Ausgelassenheit von einer fast andächtigen Ruhe abgelöst wurde. Vollkommene Stille wechselte sich ab mit kurzen Zischgeräuschen und begeisterten Aaah und Oooh Rufen. Darauf folgte ein wichtiges Palaver und die nächste Ruhephase begann.

Die Menschen nannten das, was sie da trieben, „Bleigießen“. Die Zischgeräusche entstanden durch das Eintauchen des, über einer Kerze geschmolzenen, Bleis in kaltes Wasser. Das Wasser bewirkte die sofortige Erstarrung des flüssigen Bleis zu verschiedenförmigen Gebilden, die allen Anwesenden zur Bewunderung und Deutung dargeboten wurden. Das Palaver drehte sich um die gegossenen Kunstwerke und eventuell darin enthaltene Hinweise auf die Zukunft.
Nahm das Blei in dem Augenblick seiner Erstarrung beispielsweise die Form eines kleinen Schweinchens an, hätte das möglicherweise ein Fingerzeig auf sich näherndes Glück im neuen Jahr sein können. Selbstverständlich legten wir größten Wert darauf, die vorteilhafteste Bedeutung eines jeden Werkes herauszufinden. Es nahm geraume Zeit in Anspruch, jedes Teil so lange zu drehen und zu wenden, bis es seine wahre Form, nämlich die eines eindeutigen Glückssymbols offenbarte.
Dafür kann man von einem jungen Bobtail wirklich kein Verständnis erwarten, – und so nutzte dieser die Zeit zu einem kleinen Schläfchen.
  Plötzlich geschah etwas Furchtbares!
Baffis geliebte Menschen drehten vollkommen durch. – Das konnte ja nicht gut gehen mit diesem magischen Blei-Teufelszeug! – Sie sprangen alle miteinander auf, knallten Gläser aneinander, brüllten unverständliches Zeug, umarmten und küssten sich. Dann wurde auch Baffi gepackt, herumgewirbelt und gewuschelt, jemand juchzte ihr ins Ohr: „Ein frohes Neues Jahr, Baffiflöhchen!“ Und ehe sie vollkommen begreifen konnte, was mit ihr und überhaupt geschah, war ihre ganze Herde auf und davon. Sie rannten allesamt einfach hinaus, mitten in die stockfinstere Nacht.
Was sollte unsere arme Baffi tun? Sie musste hinterher!
Doch welches heillose Entsetzen ergriff sie, als sie ins Freie trat. – Ein übermächtiger Feind eroberte die Welt!
Baffi sah sich umringt von knallenden und zischenden Bomben und Raketen. Sie wurde geblendet von grellen Blitzen und halb betäubt von einem Gestank, der direkt aus der Hölle entwichen sein musste! Es kam noch schlimmer! Baffi hatte erwartet, dass ihre Herde in einem Schützengraben, oder mindestens im Keller, Deckung und Schutz gesucht hätte vor den feindlichen Angriffen. Aber nein!! – Sie standen völlig ungeschützt mitten auf der Terrasse und eröffneten ihrerseits das Feuer auf den Feind. Eine Detonation folgte der anderen! Laut zischend schossen die Raketen in den Himmel!
In den Himmel, wo sie  alle mit absoluter Sicherheit in wenigen Momenten landen würden.
 

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