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Ein unbeschreibliches Grauen! Selbst Baffis menschliche Rudelführerin, der sie vertraute, die sich stets vernünftig und umsichtig zeigte, war mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele dem Wahnsinn verfallen. Sie rief ihr sogar zu: „Sieh mal Baffi, die schönen bunten Sternchen! Ist das nicht herrlich!!“
Oh, was für eine schlimme Nacht! –  Oh, was für eine Nacht! –
  Nach einer Weile ebbten Knallerei und Feuerwerk langsam ab.
Das neue Jahr zählte seine ersten Minuten, die nun, nach der stürmischen und freudigen Begrüßung durch die Menschen, ruhig und gleichmäßig dahinflossen.
Doch etwas stimmte nicht!
Einer, der es zuerst bemerkte, rief die Frage in die nunmehr dunkle, verräucherte Nacht: „Wo ist Baffi?!“ – Ja, Baffi!! – Explosionsartig breitete sich Hektik aus in unserer kleinen Menschentruppe. W e r hatte Baffi  w o zuletzt gesehen?
Alles rannte durcheinander, hin und her, von der Terrasse in den Garten, auf die Straße und zurück, rund ums Haus, suchend und rufend! „Baffi! – Baffi!“
Baffi blieb verschwunden. –
  Dieses neue Jahr fing ja gut an! Wenn das so weiterging...! Wozu sollten bleierne Glücksschweinchen taugen, wenn gleich in den ersten Minuten des Jahres eine Katastrophe passierte!?
Plötzlich ertönte ein Schrei aus dem Inneren des Hauses: „Ach du arme Baffi!“ Alle stürmten durch die angelehnte Haustür ins Haus – und erblickten ein jammervolles Häuflein Bobtail.
In der hintersten Ecke des Flures, am ganzen Leibe zitternd wie Espenlaub, hockte unser geliebtes, bedauernswertes, kleines „Flöhchen“, wie vor dem Eingang zur Hölle!
Baffi! Das blanke Entsetzen spiegelte sich in ihren Augen. Von unseren Augen fiel es wie Schuppen, und wir vermochten das ganze Ausmaß der Tragödie zu erkennen, die sich in und um unseren Hund herum abgespielt hatte. Eine gigantische Welle Mitleid und Trost schwappte über Baffi hinweg und hüllte sie ein, doch die schlimmen Erlebnisse ließen sich nur langsam fortspülen.
Wie konnte es bloß geschehen, dass niemand von uns rechtzeitig bemerkte, in welcher höchsten Not sich unser tapferer Hütehund befunden hatte?
  Der nächste Tag erwachte friedvoll und unschuldig. Die vergangene Nacht schien vergessen.
Aber der Schock saß tief in der Seele unseres Hundes. Jeder zukünftige kleine Knall ließ die Erinnerung an die „Nacht des Grauens“ wieder aufflammen. Je näher ein erneuter Jahreswechsel rückte, desto schwieriger wurden die Tage. Ein einzelner Knall, selbst ein endlos weit entfernter, ließ die Alarmsirenen losheulen, insbesondere während eines Spaziergangs!
 

E i n  Knall hätte bereits der Anfang vom Ende sein können! Das unvermeidliche Ende ließ sich in der eigenen Behausung leichter ertragen, vielleicht sogar überlisten. Die sichere Deckung von vier Wänden und einem Dach über dem Kopf erhöhte die Chance, vom Feind übersehen zu werden um ein vielfaches. Sie, die Deckung, musste nur schnell genug erreicht werden!
Das bedeutete für uns Menschen im Walde, entweder die Beine in die Hand nehmen und mitrennen, oder fliegen lernen. Schließlich wusste Baffi um die Unvernunft ihrer Rudelführer in diesen speziellen Gefahrensituationen. Sie durfte keinesfalls Rücksicht darauf nehmen, dass ihre Menschen sie ausschimpften, sie zerrten und als „alberner Hund“ betitelten, oder sogar versuchten, sie mit Leckerlis zu bestechen.
Baffi ging, genauer gesagt, Baffi rannte nach Hause! Und wenn ein Mensch am Ende ihrer Leine hing, wurde er gnadenlos mitgeschleift.
  So kam es, dass unsere Spaziergänge vor Silvester zwar oft recht kurz aber heftig ausfielen, Mensch und Hund schnaufend und mit hängender Zunge die rettende Behausung erreichten und erschöpft auf das gemütliche Sofa sanken. „Warum nur hat noch niemand schalldichte Ohrstöpsel für Hunde erfunden!?“, fragten wir uns manchmal in einem Anflug von Verzweiflung.
Natürlich verhängte der Familienrat ein striktes Knallverbot für alle zukünftigen Silvesterfeiern.
Keinerlei Knall-Objekte, dafür allerlei Ablenkungs-Objekte für unseren Hund, bestimmten die Vergnügungen in den letzten Stunden eines jeden Jahres.
Startete um Mitternacht das unvermeidliche, fantastische Feuerwerk, sausten die Raketen Richtung All, dann ratterten bei uns die Rollos vor den Fenstern herunter. Laute Musik dröhnte aus den Lautsprechern, der Fernseher brüllte, die Menschen ebenfalls.
Und was tat unser Hund? – Er schwor sich, ab sofort kein Krümelchen mehr zu futtern, damit er unbedingt beim nächsten Bombenangriff unter oder mindestens hinter den Schrank passen würde, oder in irgendeinen anderen, bombensicheren Bunker.
Abwechselnd schlich sich einer von uns hinaus, um an der Begrüßung des neuen Jahres teilzuhaben. Das entging den Augen eines Super-Hütehundes keinesfalls, nicht einmal denen eines vor Angst zitternden und schlotternden Hütehundes. Hätte der Ernst der Situation es nicht verboten, Baffi wäre in helles Gelächter ausgebrochen angesichts der Vertuschungsmanöver ihrer Menschen. Jeder winzige Welpe befand sich in der Lage, uns darüber aufzuklären, dass die Augen und vor allem die Ohren eines Hundes viel zu perfekt sind, um auf die plumpe Vortäuschung einer heilen Welt und die völlige Verharmlosung der Situation hereinzufallen.
Alle Jahre wieder nahte der große unbekannte Feind in der Silvesternacht. Und keiner vermochte Baffi zu helfen!

Selbst das Erlernen der Sprache der Hunde, das uns die Möglichkeit gegeben hätte, das große Missverständnis aufzuklären, wäre keine Garantie dafür gewesen, bei unserem Hund Verständnis für die Sitten und Gebräuche bei der Begrüßung eines neuen Jahres zu erwecken.
So viel Hundesprache vermochten wir zu verstehen, dass wir Baffi „sprechen“ hörten: „Leute, das ist und bleibt der helle Wahnsinn!“
  Leider gab es, abgesehen von Silvester, noch mehrere Tage in einem Jahr, an denen sich eine Konfrontation mit dem Geräusch „Knall“ nicht umgehen ließ.
Der Knall versteckte sich in unterschiedlichsten Verpackungen: der Überschallknall eines Flugobjekts, die Fehlzündung eines Autos, der Knall aus der Pistole des „Cowboy und Indianer“ spielenden Kindes, der platzende Luftballon, das Manöver auf dem Truppenübungsplatz, die Naturgewalten eines Gewitters. All diese knallenden Inhalte der verhassten „Knallpäckchen“ eigneten sich bestens dazu, unserem Hund den Tag zu verderben.
Nun gut, ein einzelnes, einmaliges „P e n g!“, oder „R u m s!“, konnte mit etwas gutem Willen relativ rasch vergessen werden. Ganz anders verhielt es sich mit dem Kanonendonner, der von dem 15 Kilometer entfernten Truppenübungsplatz Baffis Ohr erreichte.
  Dies Ereignis ereilte uns in der Regel während eines Spaziergangs auf unserem Lieblingsspazierweg, der uns über den Kamm eines Berges führte. Eine viertelstündige Autofahrt lag hinter uns, die Sonne strahlte vom Firmament hernieder, der Himmel leuchtete in seinem schönsten Blau, hübsch dekoriert mit den niedlichsten Schäfchenwolken, ein angenehmer Wind sorgte für Abkühlung beim Aufstieg auf des Berges Rücken. Nur leider, leider wehte er aus der verkehrten Richtung zu uns hinüber.
Gerade hatte er zahlreichen Soldaten auf dem Truppenübungsplatz bei der Verrichtung ihrer schweren Arbeit Kühlung verschafft, als ihn die Nachricht von einem schwitzenden und schnaufenden Menschen mit Hund erreichte, die sich einen Berg hinaufschoben. Für einen Wind sind 15 Kilometer keine Entfernung! Also rasch einmal hinüberwehen und eine gute Tat vollbringen!
Hätte der hilfsbereite Wind geahnt, dass die Geräusche eines Geschützgewitters an seinen Fersen hingen und er einem kleinen Hund außer einer angenehmen Abkühlung eine äußerst unangenehme Verängstigung brachte, er wäre einen großen Umweg geflogen, um das „Gewitter“ irgendwo unterwegs abzuhängen. Doch ein Wind verstand die Hundesprache scheinbar noch weniger als wir Menschen und er wehte arglos immer weiter, wehte die dumpfen Explosionsgeräusche in Baffis Ohren hinein. Mit jedem Schritt wuchs das Unbehagen. Deutlich „hörte“ ich die Gedanken meines Hundes: „Ich will nach Hause! Diese leichtsinnigen, lebensmüden Menschen! – Von Sekunde zu Sekunde wird der Kanonendonner lauter! –  
 

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