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Mein Hund war krank!! Welche Vorgehensweise erforderte diese Situation? Am besten schaute ich zuerst nach äußeren Anzeichen einer Erkrankung. Ich untersuchte Stück für Stück Baffis Außenhülle. Ein ordentlicher Schrecken fuhr mir von den Fingerspitzen bis in die Fußspitzen, als ich mit meiner Untersuchung den Bauch erreichte. Ich fühlte eine Beule, vielleicht ein Geschwür, von der Größe einer dicken Apfelsine. Hatte ich damit den Übeltäter entlarvt?
Meine schlauen Bücher rieten, im Falle einer Erkrankung des Hundes zunächst die Körpertemperatur des Tieres zu messen. Rasch überflog ich noch einmal das Kapitel, um mir in Erinnerung zu rufen, wie eine Temperaturmessung zu bewerkstelligen sei und welche Temperatur für einen Hund angemessen ist. Baffi ertrug die Prozedur des Fiebermessens halb schlafend. Das Ergebnis der Messung (40°) ließ mich sofort zum Telefon greifen, um einen Hilferuf auszusenden.
Ich telefonierte zuerst mit unserer Homöopathin, um ihren homöopathischen Rat und eine Medikamentenempfehlung einzuholen. Bei der Behandlung gelegentlicher kleiner Unpässlichkeiten hatten wir mit der Homöopathie stets die besten Erfahrungen gemacht. In diesem Fall wollte ich zusätzlich noch tierärztliche Hilfe in Anspruch nehmen! Ich verabreichte Baffi das empfohlene Mittel und rief umgehend die Tierärztin an, um ihr die Situation zu schildern.
Sie meinte, wir sollten sofort zu ihr kommen. Mein armes Baffilein musste sich also noch einmal aufraffen zu einem Gang zum Auto und der Fahrt in den nächsten Ort. Die Tierärztin betrachtete die gewaltige Beule an Baffis Bauch, zeigte ein etwas bedenkliches Gesicht und bemerkte daraufhin: “Das ist aber ein sehr böses Geschwür.“ Mein Gesicht schaute nun sicher nicht weniger bedenklich aus. Baffi bekam einige Spritzen, eine Salbe nahmen wir mit nach Hause, und am nächsten Tag sollten wir wiederkommen.
  Baffi schlief pausenlos, ich bestrich gewissenhaft das Geschwür mit Salbe. Futter brauchte ich nicht zu servieren, nur zu einigen Schlückchen Wasser konnte ich meinen Hund überreden. So bestand Baffis Nahrung lediglich aus wenigen homöopathischen Zuckerkügelchen.
Am nächsten Tag ging es unserer Hundepatientin bereits etwas besser. Die Apathie wandelte sich in eine gemäßigte Munterkeit, das Fieber schien seine Aufgabe erfüllt zu haben und verschwand, auf dem Geschwür hatte sich eine kleine Beule gebildet. Abends machten wir uns erneut auf den Weg zur Tierärztin, die Baffi erst am Tag vorher kennen gelernt hatte. Nach den vielen Jahren steckte eine vergessene Tatsache schlummernd in einer hintersten, versteckten Ecke meines Gedächtnisspeichers und wurde an diesem Abend jäh aus dem Schlaf gerissen.
Tierärzte und Tierärztinnen zählten zu Baffis ärgsten Feinden! Zwar schossen sie nicht mit Kanonen, dafür verwickelten sie einen armen Hund in einen chancenlosen Nahkampf, bezwangen, überwältigten ihn, um ihn mit unvorstellbaren Folterpraktiken zu quälen.
 

Nicht, dass Baffi solches jemals wirklich widerfahren wäre! Nein, sie hatte in ihren ersten Lebensjahren wenige, völlig harmlose Erfahrungen mit Tierdoktoren gemacht. Wir Menschen waren von ihrer Harmlosigkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft überzeugt. Baffis Wahrnehmung der Situation entsprach jedoch eher meiner vorhergegangenen Schilderung!
Der kleine Piekser einer Impfung, die Reinigung der Ohren und das Röntgen der Hüftgelenke, zwecks Feststellung einer evtl. Hüftgelenkdysplasie (HD), – eine Folterung?
Baffi beschloss jedenfalls mit dem gewissen Eigensinn eines Hütehundes, nie wieder freiwillig eine Tierarztpraxis zu betreten, ob wir ihre Gründe nun einsehen wollten oder nicht!
Es erforderte die Kraft von zwei ausgewachsenen Menschen, unseren Bobtail in eine Tierarztpraxis hineinzuschieben, -ziehen oder -tragen. Angesichts dieses erheblichen Stressfaktors trafen wir eine Vereinbarung: Wir Menschen verzichteten zukünftig darauf, unseren Hund mit Tierärzten zu konfrontieren, und Baffi vermied sämtliche Krankheiten, die sich nicht weitab von einem Doktor, nur mit Hilfe einiger homöopathischer Medikamente kurieren ließen. Das
klappte gut, bis zu dem Tag, an den wir jetzt zurückkehren werden.
  An Baffis zweitem Krankheitstag stand unser zweiter Tierarztbesuch bevor.
Am Abend vorher vermutete ich noch, mein schwerkranker, apathischer Hund hätte gar nicht recht mitbekommen, was mit ihm geschehen war und wo er sich befand. Da hatte ich mich aber gewaltig in meinem aufmerksamen Hütehund getäuscht! An einem Tag zu krank und schlapp sein zu müssen, für eine Gegenwehr, ist eine schlimme Sache, – aber zu glauben ein Hütehund, selbst ein sehr kranker, bemerke nicht, was mit ihm geschieht ... und das nach elf gemeinsamen Jahren – na ja, ein Hund muss nachsichtig sein mit seinen Menschen – immer wieder!
Der Ausstieg aus dem Auto klappte reibungslos, zwei Schritte ging es voran, und dann bekam ich die volle Wirksamkeit einer Vier-Pfoten-Bremse zu spüren. Woher nahm dieser Hund, der noch am Tag vorher schwach und sterbenskrank darniederlag, bloß eine derartige Kraft?
Leider blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit dem Feind zu verbünden. Gemeinsam zogen und schoben wir Baffi die Treppe hinunter, durch die Tür in die Praxis hinein. Die Untersuchung führte zu dem zufriedenstellenden Ergebnis, dass sich der Allgemeinzustand des Tieres erfreulich gebessert hätte und das Geschwür aussähe, als ob es aufbrechen wolle, was einen sehr günstigen Verlauf ergäbe. Dennoch blieb Baffi eine kleine Spritze nicht erspart, worauf wir bis zum nächsten Tag entlassen wurden. Dieser Tag brachte, wie erhofft, den Aufbruch des Geschwürs und damit die Entfernung und Vernichtung sämtlicher bösartiger, krankmachender Materie, die sich darin verschanzt hatte.
 

Am Abend machten wir unseren letzten, anstrengenden Besuch bei der Tierärztin. Sie äußerte sich zufrieden und erklärte die Behandlung für abgeschlossen. Die Wunde würde nun von selbst verheilen. Wenige Tage später war sie auch tatsächlich abgeheilt und nach einer knappen Woche konnten wir die ganze Krankheit vergessen.

Auf Baffi warteten noch einmal zwei schöne Lebensjahre.
Zwischendurch erlebten wir eine spannende, aufregende Zeit, die ein erneuter Umzug mit sich brachte. Diesmal richteten wir unser Domizil, eine schöne große Wohnung, direkt an meinem neuen Arbeitsplatz ein. Ich hatte nämlich inzwischen den Pensionsbetrieb meiner Eltern in Bad Meinberg übernommen.
Auch Baffi stand ein Berufswechsel oder richtiger gesagt, die Übernahme eines Nebenjobs bevor. Ihrer Hütehundtätigkeit, als Hauptberuf, blieb sie natürlich treu. Auf ihre alten Tage noch eine kleine Nebentätigkeit auszuüben, als hündische Hausdame in einem feinen Pensionshaus, das gefiel Baffi nicht schlecht. Außerdem waren wir damit echte Kolleginnen und den ganzen Tag zusammen.
Wie es in einem Kurort und für eine reifere Dame angemessen war, fielen wir bei unseren Spaziergängen meist in einen gemäßigten Kurschritt. Sogar die Stöckchen-Schafe zeigten gebührenden Respekt vor der Würde und der Weisheit des Alters. Diejenigen jedoch, die meinten, unter der Aufsicht eines älteren Hütehundes könnten sie es ja mal versuchen, sich von der Herde zu entfernen, durften sich gründlich wundern. Baffi hatte noch nichts von ihrer Schnelligkeit eingebüßt! Lediglich an der geringeren Ausdauer machten sich die Jahre bemerkbar.
  In ihrem dreizehnten Lebensjahr entschlossen sich Baffis Ohren, in den Ruhestand zu treten.
Als Folge davon wurde unser Hund äußerst schwerhörig. Ich war nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch einen Ton hörte.
Das schien Baffi zwar nicht zu stören, führte jedoch zu einigen Schwierigkeiten bei unserer verbalen Verständigung. Die Umstellung von der Wortsprache auf die Zeichensprache, die Lösung des Verständigungsproblems, ergab sich fast von selbst. Schon immer hatten wir neben der gesprochenen Sprache regen Gebrauch von der Kommunikation mit Händen, Füßen, Pfoten, Blicken, kurz gesagt, regen Gebrauch von einer gemeinsamen Zeichensprache gemacht. Nun kam es darauf an, möglichst rasch einen Augenkontakt herzustellen, damit die Verständigung einwandfrei klappte. Die neue Aufgabe für uns Menschen lautete: Entwickele Methoden, so schnell wie möglich die Augen und die Aufmerksamkeit deines Hundes auf dich zu richten. Ohne Worte! Gern würde ich an dieser Stelle die geniale menschlich-hündische Gestensprache wiedergeben, wenn sie nur nicht so schwer in Worte zu fassen wäre! Vielleicht ist es auch gar nicht wichtig. Ich bin sicher, dass jeder Mensch und jeder Hund, der lange Jahre in seiner Menschen-Hund-Gemeinschaft gelebt hat, eine wortlose Verständigung  meisterhaft beherrschen wird. 

  Jedes Ding hat die bekannten zwei Seiten. Die Zuckerseite von Baffis Schwerhörigkeit schenkte ihr den Triumph eines großen Sieges, die Kapitulation aller Feinde, die regelmäßig mit ihren Kanonen und Raketen anrückten! Sie alle waren für immer und ewig vertrieben, in alle Winde verstreut! Kein Donnerschlag, keine Explosion, kein einziges Knällchen störte mehr die Seelenruhe unseres Hundes.
In der dreizehnten Silvesternacht erlebte Baffi den ersten friedvollen Jahreswechsel ihres Lebens.
So recht konnte sie es zunächst nicht glauben. Ihr Erinnerungsvermögen befand sich in einem guten Zustand und ließ das Grauen vieler vergangener Silvesternächte lebendig werden. Die leichte Nervosität verflüchtigte sich mehr und mehr, je länger der Großangriff des unbekannten Feindes ausblieb. Für Baffi blieb er verschwunden!
Der Krieg war aus und vorbei!! Baffi schlief ruhig und zufrieden in das neue Jahr.
 

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