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DAS LETZTE KAPITEL


Das letzte Kapitel in der Geschichte eines Hundelebens ist das schwerste, eigentlich das einzig schwere.
Ich habe es ja gleich gesagt! Ich habe es ja schon gewusst, bevor sich mein Hund überhaupt auf seinen Weg in unsere Welt gemacht hatte. – Doch halt, gab es damals vor über dreizehn Jahren nicht ein wichtiges Argument, das die Entscheidung brachte, mein Leben fortan mit einem zauberhaften Hundewesen zu teilen?
Vielleicht war es Baffi höchstpersönlich, die mir aus unsichtbaren Welten zuflüsterte: „Liebes Frauchen, ein Hundeleben ist zwar kurz, immer zu kurz, der Schmerz am Ende groß, aber gemessen an den vielen langen, glücklichen Jahren, die wir gemeinsam verbringen werden auch wieder klein. Du wirst also viel mehr Freude, als Kummer mit mir haben!“
Genauso ist alles eingetroffen: Dreizehn Jahre Freude, knapp zwei Monate Sorge, Kummer und Schmerz.
Der Moment des Abschiednehmens überfiel uns nicht ganz plötzlich und völlig unvorbereitet.
Jeder Mensch, der mit einem alten Hund zusammenlebt, wird sich der Tatsache nicht entziehen können, dass die längste Zeit des Hundelebens vorüber ist. So hatte auch ich etwa ab Baffis elftem Lebensjahr den einen und auch den anderen Gedanken an unseren unvermeidbaren Abschied zugelassen.
  Eines Tages im März stand er vor unserer Tür und klopfte an.
„Lieber Abschied,“, hätten wir gerne gesagt, „könntest du deinen Besuch vielleicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben? Im Augenblick kommst du etwas ungelegen. In zwei oder drei Jahren bist du uns willkommener.“ Leider lassen schicksalsgesandte Gäste schlecht mit sich handeln, und nicht einmal das Argument, wir hätten gerade überhaupt kein Zimmer frei, brachte den gewünschten Erfolg. Unser Abschied blieb hartnäckig vor der Tür stehen, bis er
eingelassen wurde.
Fast zwei Monate lang mietete er sich bei uns ein. Am Anfang hatte er die Form eines kleinen Geschwürs angenommen, das sich an einer Zitze an Baffis Bauch befand. Dieses Geschwür entzündete sich sehr schnell und entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer offenen, nässenden Wunde. Die Tierärztin musste mir mitteilen, dass es sich um eine Krebsgeschwulst handelte.
Eine Operation war in diesem Zustand nicht möglich und nach Ansicht der Tierärztin auch nicht sinnvoll, da sie vermutete, dass der Krebs nicht nur diese eine Stelle des Körpers befallen hätte.

 Ich hoffte, ihr würden irgendwelche Rettungsmaßnahmen einfallen. Sie meinte, wir könnten versuchen, mit Hilfe von Medikamenten die Wunde zum Heilen zu bringen. Sollte das nicht gelingen, würde sie raten, den Hund einzuschläfern.
  Das war also die harte Realität! Gern wäre ich geflüchtet, um ihre schmerzhaften Stiche nicht zu spüren. Selbst wenn ich mit meiner Baffi den nächsten Flug zum Mars gebucht hätte, – dieser bösen Wirklichkeit konnten wir nicht entkommen. Dann wollten wir ihr schon lieber hier auf unsere Erde (mehr oder weniger) mutig entgegentreten.
  In der Hoffnung, noch einen kleinen Aufschub zu erreichen, startete ich den Versuch mit den Tabletten. Baffi schluckte die bitteren Pillen brav und gerne täglich in einem besonderen Leckerbissen, einem Hackfleischbällchen. Das war nur ein schwacher Trost im Hinblick auf die zahlreichen unangenehmen Nebenwirkungen. Die Medikamente belasteten stark Herz und Kreislauf.
Mit der Zeit bekam Baffi Husten und Atemnot, was wiederum zusätzliche Herzmedikamente erforderte. Die Wunde besserte sich zwar langsam, aber nicht entscheidend.
Ich hielt stille und laute Zwiesprache mit meinem Hund.
  Wer kann einer armen, hilflosen Rudelführerin in dieser Situation eine Entscheidung abnehmen? Leider ist es die Aufgabe der Rudelführer, diese Entscheidung über Leben und Tod ganz alleine zu treffen, wenn sie ihnen nicht gnädigerweise von höherer Stelle abgenommen wird.
Ich brauchte noch etwas Zeit.
  Baffi ging es deutlich schlechter. Hinlegen und Aufstehen fiel schwer, Treppensteigen war fast unmöglich. Deshalb zogen wir beide in ein Gästezimmer im Parterre um.
Dennoch, wer annahm, ein kranker Hütehund würde aufgeben, sich hängen lassen, befand sich im Irrtum. Das Zauberwort „Spazierengehen“ ließ Baffi immer noch (hell)wach werden. Sie stieg bis zu unserem letzten Spaziergang freudig ins Auto ein und auf dem Waldparkplatz mit Gebell wieder aus. Die Kräfte reichten zwar nur für wenige Meter und Schritte, doch unser Ritual hatten wir ordnungsgemäß durchgeführt. –
  Innerhalb von vierzehn Tagen verschlechterte sich Baffis Zustand rapide.
Sie jammerte und klagte nicht. Jammern und weinen war auch niemals ihr Ding gewesen. Deshalb konnte ich nicht sicher sein, wie große Schmerzen Baffi tatsächlich erleiden musste.
Der Gedanke wurde für mich unerträglich, dass sie vielleicht größeren Qualen ausgesetzt sein könnte, als ich annahm.
So traf ich meine Entscheidung, sie von ihrer unheilbaren Krankheit mit allem Schmerz und Leid erlösen zu lassen.

Ich begleitete mein kleines Flöhchen, meine Baffi, bis vor das große Tor in eine andere Welt.
Und dann schritt sie hinüber über die Schwelle und wanderte die Regenbogenbrücke hinauf in den Hundehimmel.
 

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