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EIN WENIG NEUGIER ...


Ein bisschen Neugier kann manchmal ungeahnte Folgen haben. So verdanke ich meinen ersten eigenen Hund, meine Baffi, mein „Flöhchen“, einer kleinen Portion  Neugier.
Und so fing die Geschichte an:
  Es gab einen Traum, den ich immer wieder träumte. Er begleitete mich durch meine  Kindheit, durch meine Jugendzeit und er wurde lebendiger mit jedem Jahr, das verging.
Ich träumte von einem eigenen Hund, einem echten Hund. Kein Plüschhund, kein selbstgenähter Hund, kein gestrickter Hund, kein Hund auf einem Bild, sondern ein lebendiger Hund! Das war mein größter Traum, mein sehnlichster Wunsch.
  Doch jedes Ding hat zwei Seiten, so auch mein schöner Traum.
Unvermittelt verwandelte er sich in einen Alptraum. Ich sah schreckliche Katastrophen, die ich mit meinem Hund erleben könnte, grausame Krankheiten, die ihn befielen, riesige Autoräder, unter die er geriet, Bestien, die ihn möglicherweise zerreißen würden, Diebe, die ihn an ein Versuchslabor verschacherten. Selbst wenn von alledem nichts eintreffen sollte, bliebe immer noch die Tatsache, dass ein Hundeleben viel zu kurz ist. In meinen Visionen sah ich mich beim Tod meines Hundes vor Kummer und Schmerz jämmerlich dahinsiechen, wenn ich die ganze Tragödie überhaupt überleben würde. Ein eigener Hund kam deshalb für mich nicht in Frage.
Lieber wollte ich mir noch das eine oder andere süße Hundebaby mit Hilfe meiner Nähmaschine erschaffen!
  Eines Tages, ich brütete wieder einmal über dem „Buch der Hunderassen“, lenkte ein Bild meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Es war das Bild eines Old English Sheepdog, auch Bobtail genannt.
Hatte ich schon jemals ein lebendes Exemplar dieser, auf Bildern so interessant aussehenden, Hunde gesehen?
Nein, die Antwort auf die Frage lautete eindeutig „nein“. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los.
Weitere Fragen formulierten sich in meinem Kopf: „Wie sehen diese Zotteltiere wohl in natura aus? Wie bewegen sie sich? Wie sieht es aus, wenn ein Bild lebendig wird?“
Meine Neugier wuchs von Tag zu Tag.
  Ich kannte mich schon recht lange und wusste, wie ausdauernd und hartnäckig ich sein konnte, wenn sich eine Idee in mir eingenistet hatte. Damit meine liebe Seele endlich Ruhe fand, beschloss ich, einen Bobtailzüchter aufzusuchen um an Ort und Stelle meinen Wissensdurst zu stillen.

Nun brauchte ich nur noch herauszufinden, wo ein solcher Züchter steckte. Meine Suche in allen verfügbaren Medien war von Erfolg gekrönt. Ich fand tatsächlich zwei „Collie- und Bobtailzwinger“.
  Der nächste Sonntag wurde zum Bobtail-Besichtigungstag auserkoren.
Die erste Züchterin in unserer Nähe war bald gefunden. Was ich dort zu sehen und zu streicheln bekam, übertraf noch alle meine Erwartungen. Zwei riesige, zottelige Wuscheltiere tobten um uns herum. Sie sahen nur annähernd so aus, wie die Bilder in meinen Büchern. Das lag daran, dass sie ihre Freizeitfrisur trugen und sich nicht im Ausstellungsoutfit präsentierten. Meine Begeisterung war grenzenlos! Am liebsten hätte ich gleich alle beide mitgenommen.
Meine Vernunft meldete sich lautstark zu Wort, mit der Erinnerung daran, dass ich nichts weiter gewollt hatte, als nur die Hunderasse „Bobtail“ kennen lernen.
  Zwei Rasseexemplare ergaben noch kein vollständiges Bild. Die zweite Züchterin war nicht weit, ließ sich leicht finden und wurde am selbigen Tag durch unseren Besuch erfreut.
Sie begrüßte uns freundlich und wortreich als zukünftige Hundekäufer, erzählte eifrig, dass sie von einer Hündin bald einen Wurf erwarte und dass schon einige Anmeldungen vorlägen, sie uns aber gerne noch mit auf die Warteliste schreiben würde, denn es könnte ja sein, dass die Hundemutter, „Buffy“, sechs oder sieben Welpen bekäme, und wenn wir eine Hündin wollten, hätten wir sogar noch bessere Chancen, denn die meisten Leute bevorzugten einen Rüden.
An dieser Stelle war es unvermeidlich, eine kurze Pause einzulegen, um die Lungen mit frischem Sauerstoff zu versorgen.
In die Pause warf ich meine Erklärung, dass ich eigentlich nur einmal ihre Hunde anschauen wollte. Ach so, ja, das durfte ich natürlich gerne.
Gerade sollte ein Spaziergang mit der ganzen Rasselbande stattfinden, an dem ich mich nur zu gerne beteiligte.
Meine Neugier wurde durch viele Informationen (vorübergehend) befriedigt. Ich erfuhr etwas über Geschichte und Ursprung der altenglischen Hütehunde, ihre Aufgabenbereiche als Gehilfen der Schäfer, den Sinn und Zweck des dicken Pelzes eines Hütehundes und die Kehrseite der Medaille, die heutzutage etwas aufwendige Pflege des wunderschönen Fellchens.
  Bobtails waren wirklich ganz anders! Anders als alle Hunde, die ich bisher kennen gelernt hatte. Ich geriet ins Träumen: Unendliche Weiten, riesige grüne Wiesen, eine Schafherde zog friedlich dahin, begleitet von ihrem alten Schäfer, umringt, gut behütet und bewacht von großen, zotteligen Hunden, zerzaust von Wind und Wetter, Haarfransen vor den Augen,trotzdem jedes einzelne Schaf, jedes Lämmchen im Blick, sicher und geborgen unter ihren Fittichen (Pfoten) haltend. 
 

Ja, ich konnte mir diese Hütehunde vorstellen, wie sie unterwegs
waren mit ihren Herden. Und ich konnte sie mir vorstellen – zu Hause – in meiner Wohnung – Halt!! Alle Träume sofort stopp!!
Was für eine Idee! Nein, nein, nein, ich wollte nur einmal schauen, vielleicht ein bisschen streicheln, aber selber einen Hund? Ich dachte doch nicht im Traum daran, mir einen Hund anzuschaffen! Na ja, vielleicht im Traum, aber "Träume sind Schäume", – oder nicht? Was genau war doch gleich so schlimm daran gewesen, einen eigenen Hund zu haben?
Plötzlich hatte ich alle Argumente gegen das Leben mit einem Hund vergessen.
Da soll mir noch einmal jemand sagen: „Träume sind Schäume“! Träume sind reinste Zauberei, verdrehen einem armen Menschen den Kopf, verwandeln gute, sinnvolle Argumente  g e g e n die Anschaffung eines vierbeinigen, zotteligen Wuscheltieres in doppelt so viele Gründe  f ü r das Leben mit einem solchen Wesen.
Tatsächlich ließ ich am Ende des Nachmittags meinen Namen auf die Liste der Welpeninteressenten setzen!

Damit nahm das Schicksal seinen unabänderlichen Lauf.
Dieser Schicksalsverlauf hätte nur noch durch zweierlei Ereignisse seine Richtung ändern können.
Das erste wäre der Ausspruch eines Hundehaltungs-Verbotes aus dem Munde meines Wohnungsvermieters gewesen und das zweite der Ausspruch des gleichen Verbotes aus meinem eigenen Munde, der damit den Sieg der Vernunft über das Herz ausgerufen hätte.
Ja, ich wollte noch einmal in Ruhe „über alles schlafen“. Bekanntlich regeln sich viele Dinge im Schlaf ganz von selbst, und am nächsten Tag sieht das Problem schon anders aus.
  Der nächste Tag brachte tatsächlich eine große Wende, nicht zur „Vernunft“, sondern zu einem zukünftigen Leben mit einem britischen Hütehund!
Der Mund meines Vermieters sprach kein Verbot, sondern eine ausdrückliche Erlaubnis aus, und mein Mund hüllte sich in Schweigen.
Mein Herz probte heimlich die ersten Freudensprünge. Was war nun mit meinem Kopf, meiner Vernunft, meinem Verstand?
Sie alle teilten mir folgendes Schlussergebnis mit: „Ein Hundeleben ist zwar kurz, immer zu kurz, der Schmerz am Ende groß, aber gemessen an den vielen langen, glücklichen Jahren die wir gemeinsam verbringen würden, auch wieder klein, so dass letztendlich die Freude, die ich mit meinem kleinen Hundetier erleben werde, ein sehr viel größeres Gewicht auf die Waage bringen muss, als der Kummer.“
 

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