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  Na ja, die Bobtails fanden es auch nicht gerade toll, dass die schönen Schwänzchen kupiert wurden. (Die heutigen Bobtails dürfen ja gottlob ihre Schwänzchen behalten!)
Aber das hätten sich die Menschen vorher überlegen sollen! An einem kleinen Stummelschwänzchen lässt es sich natürlich weder festhalten, noch ist es möglich an ihm zu ziehen, was Menschen für ihr Leben gern tun. So ein Ersatzschwanz aus Leder, dazu noch an einer völlig verkehrten Stelle, ist wohl das Albernste, was ein junger Hund an seinem ersten Tag mit seinen neuen Menschen erleben kann.
Versteh´ ein Hund die Menschen!!
  Ja, es ist nun einmal wie es ist, und es war, wie es war, und eine Tatsache duldete keinen Zweifel: Baffi musste sich im Laufe ihres Lebens noch ziemlich oft über die Menschen wundern.
Es liegt in der Natur eines Hundekindes, dass es (mehr oder weniger) geduldig, anpassungsbereit und unglaublich lernfähig ist. So fand Baffi schnell heraus, dass jedes Ding zwei Seiten hat und zwei Teile, nämlich Vor- und Nachteile.
Diese Gesetzmäßigkeit brachte in bezug auf die Montage des Lederhalsbandes und Lederschwanzes, neben aller Peinlichkeit, Unbequemlichkeit und Unsinnigkeit auch einen bedeutsamen Vorteil mit sich. Der beinahe rituellen Prozedur folgte mit zuverlässiger Sicherheit ein wundervolles Ereignis: Das Verlassen der Behausung.
  Die große, weite Welt erwartete einen kleinen, neugierigen Hund, um ihn in ihre aufregenden Geheimnisse einzuweihen. Ein junger Bobtail war nur zu bereit, alles sorgfältig aufzunehmen, abzuspeichern und in verschiedene Schubladen einzusortieren.
Unheimlich toll und spannend war das! Obwohl manchmal die Betonung eindeutig auf dem Wort „unheimlich“ zu liegen kam.
  Menschenverhalten zu analysieren und zu begreifen, konnte ein Hundeseelchen anfangs schon leicht einmal überfordern. Gab es ein noch widersprüchlicheres Wesen als den Menschen?
Nur ein Beispiel für eine von unzähligen Widersprüchlichkeiten war das Thema „Toilette“.
Für einen Menschen schien dieses Thema kein Thema zu sein. Ein Hund jedoch musste erst einmal langsam begreifen, dass im großen Wald jede Stelle abseits der Trampelpfade als Toilette benutzt werden durfte, auch wenn es sich dabei um eine wunderschöne Wiese handelte. Dagegen war es unerwünscht, eine ebensolche Wiese in der Nähe unseres Zuhauses (genannt: „Rasen“) zu benutzen, außer in dringender Not.
 

Die schöne grüne, weiche Wiese innerhalb unseres Hauses (genannt: „Teppich“) durfte noch nicht einmal in den allerdringendsten Notfällen als Not-WC herhalten.
Ebenso waren die zugeschmierten Wiesen (genannt: „Straßen“ und „Bürgersteige“) absolut tabu.
Baffi hatte diese Lektion innerhalb von drei Wochen begriffen. Der gewisse einzigartige Eigensinn eines echten britischen Hütehundes verhinderte nur noch gelegentlich die pedantisch genaue Einhaltung der Regeln.
Wenn ein Hund muss, dann muss er nun mal!
  Baffi hatte bei ihrer Hundemutter viele nützliche Dinge fürs Leben gelernt, doch leider hatte sie es versäumt, ihre Kinder etwas besser über die seltsamen Ansichten und Gewohnheiten der Menschen zu unterrichten.
Wie sollte ein Hund zum Beispiel seine Umgebung kennen lernen und fremde Dinge untersuchen, wenn er sie nicht anrühren durfte?
Die kleinen, harmlosen Milchzähnchen griffen sanft und einfühlsam nach dem herrlichen, kuscheligen Puschen oder dem schönen Tischbein aus feinstem Holz, da zerriss ein hysterischer Schrei „N E I N“ fast das zarte Trommelfell eines Hundebabyöhrchens. Ein kurzes, drohendes „Knurren“ hätte es ja auch getan!
  Merke: Menschen lieben Übertreibungen, rechne stets mit unangemessenen Überreaktionen!
Menschen wissen selten, was sie eigentlich wollen. Glaube nicht, wenn du einmal etwas gut gemacht hast, dass das immer gut sein wird.
Die Sache mit den Stöckchen war ein gutes Beispiel für diese Regel.
Draußen im Wald äußerten die Menschen Gefühle des Glücks und der Begeisterung, wenn ihnen ihr Hund ein feines Holzstöckchen heranbrachte. Dabei wollten sie es nicht einmal behalten. Nein, es wurde bald mit großem Vergnügen wieder davongeschleudert. Menschen liebten dieses Spiel! Und ihr Hund ließ sich natürlich gerne von ihrer Begeisterung anstecken.
So weit so gut, doch nun aufgepasst: Das g l e i c h e  Spiel in der Wohnung gespielt, mit einem Hölzchen vom Stuhl oder Tisch, hassten die Menschen wie der Bobtail das Schaumbad.
Das Phänomen ließ sich von einem Hund nicht verstehen, das musste einfach so stehengelassen und hingenommen werden.
  Für manche Probleme fanden sich dagegen mit der Zeit ganz akzeptable Lösungen.
So entwirrte Baffi das verworrene Thema „Neugierbefriedigung“, eleganter ausgedrückt „Stillung des Wissensdurstes“, auf verblüffend einfache Weise. Ihre große Geduld kam ihr hierbei zugute. Die Untersuchung von sogenannten „verbotenen Gegenständen“ wurde einfach auf Zeiten verschoben, in denen die Menschenmutti nicht hinschaute, oder, was noch sicherer war, die Wohnung verließ. Allgegenwärtig konnte kein noch so gewissenhafter Mensch sein.

  Ja, meine kleine Baffi hatte sich wirklich große Mühe gegeben, alles gut und richtig zu machen. In wenigen Wochen hatte sie ein großes Lernpensum bewältigt. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass auch ihre Menschen in einem gewissen Rahmen durchaus lernfähig waren.
So gestaltete sich das Zusammenleben und das Zusammenwachsen unseres kleinen Rudels immer angenehmer.
  Ein Rudel, auch ein ganz kleines, braucht einen Rudelführer!
Baffi war rasch damit einverstanden, dass ich unsere Rudelführerin werden wollte. Als kluger Hund wusste sie natürlich, dass sie dadurch mehr Vor- als Nachteile haben würde. Man denke dabei nur an die Pflicht des Rudelführers, für den Lebensunterhalt des Rudels zu sorgen.
 

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